6. – 9. Tag: England, wir kommen – leider etwas später

Die Abreise aus Cuxhaven startet um 10:30 gemütlich nach dem Frühstück. Zunächst gehts die Elbe raus, später soll es sich zwischen Helgoland und Wangeroge teilen.

Die Kugelbaake – Wahrzeichen von Cuxhaven

Wir (Ralf und ich) sind guter Dinge – es läuft prima und wir kommen gut voran. Dicke Pötte begleiten uns und wir sind froh, dass wir sie auch auf unserem Display dank der AIS Anbindung sehen können und Informationen über sie bekommen. Wie heisst das Schiff, wo kommt es her, manchmal auch: wo fährt es hin und vor allem: gibt es einen möglichen Kollisionskurs und wieviel Zeit bleibt uns zu reagieren. Später gibt es einige Situationen, bei denen wir feststellen, dass eine sichere Segelreise durch die gewählten Routen ohne solch ein System nicht funktionieren würde.

Bei der Ausfahrt aus Cuxhaven begleiten uns dicke Pötte.

Eigentlich ist Wangerooge von Cuxhaven nur ein Katzensprung und wir diskutieren, ob wir einen längeren und größeren Schlag machen. Wir könnten es in drei Tagen schaffen, bis nach England zu kommen! Die Wetterprognose hierfür ist gut – Winde 3-5 aus östlicher Richtung und kein Regen. Für Montag hingegen sind für längere Zeit vor England nördliche Winde gemeldet und ohne nochmal auf die Karte zu schauen, haben wir das Gefühl, da müssten wir lange gegen an fahren. Später stellen wir fest, dass nördliche Wind gut gepasst hätten, da unser erstes Ziel – Scarborough fast auf gleicher Höhe wie die angeplante Zwischenstation Terschelling liegt.

Wir entscheiden uns bis England durch zu fahren. Das nächtliche Fahren und abwechselnde Entspannen trauen wir uns zu.

Zuversichtlich blicken wir auf unseren Langschlag nach England.

Vor Helgoland haben wir nochmals unsere Partner informiert, sass wir die nächsten Tage telefonisch nicht mehr erreichbar sind.

Hier haben wir unsere Änderung der Tour kommuniziert.

Einen kleinen Riss bekommt unsere Entscheidung, als zeitnah zwei Systeme ausfallen: der Standard Horizon Plotter stellt seinen Dienst ein, auch ein Neustart  erzeugt nur ein mickriges SOS Piepen – bis zur Ausgabe einer Meldung auf dem Display reicht der Bootvorgang leider nicht. Kurze Zeit später stellt das ältere tablet ebenfalls seinen Dienst fast ein – jedenfalls will es sich nicht mehr laden lassen. Es bleibt uns noch das neuere wasserdichte tablet mit aktuellsten elektronischen Karten und mit AIS Anschluss.

Das nächste System, das temporär Ausfallerscheinungen zeigt, bin ich selbst. Die Schiffsbewegungen überfordern mein Gleichgewichtssystem  und gestrige leckere Risotto wandert zu den Fischen. Vielleicht war das Risotto auch  nicht das geeignete Gericht für einen längeren Segeltörn. Oder im Risotto war zuviel Parmesan.

Der Wind steht günstig und kommt direkt von hinten. Wir setzen die Passat Segelstellung, die uns gut voran bringt.

Bei achterlichem Wind wird so die Kraft des Windes am besten ausgenutzt.

Ein Nachteil dieser Windrichtung direkt von hinten ist es leider, dass das Boot durch die Wellen regelmäßig hin und her geschaukelt wird. Am Anfang nimmt der Körper das als leichtes Wiegen gut auf, aber die ständige hin und her Bewegung irritiert bei vielen auch erfahrenen Seglern das Gleichgewichtssystem. Visuelle Wahrnehmung und Gleichgewichtssinn laufen auseinander. Ralf bekommt das bald zu spüren und muss trotz Spezialkaugummis, Tabletten und anderen Tricks „die Fische füttern“. Dieser Zustand wird ihn 2 Tage begleiten.

Nächtlich sind wir beide im Cockpit, einer ruht sich aus und döst nach Möglichkeit, der andere überwacht Wind, Segel, Boot und Umgebung. Wir wechseln uns unregelmäßig ab.

Die Ausruhposition des 2. Seglers. Eine Luftmatrazze und ein Schlafsack gegen die Kälte helfen, gut durch die Nacht zu kommen.

In der Nacht treffe ich eine Fehleinschätzung, die uns einiges an Kraft kostet. Trotz stärker gewordenen Windes verkleinern wir die Segelfläche zu spät und haben Mühe, das Vorsegel einzuholen, da die Reffleine durch die Klampe durchrutscht. Im zweiten Anlauf fixieren wir das Vorsegel stabil und holen dann das Großsegel ein.

Gelegentlich sind arbeiten außerhalb des geschützten Cockpits unvermeidbar. Hier sichern wir uns immer per Lifebelt, einer stabilen Leine, die an der Automatik Schwimmweste festgemacht ist und am anderen Ende an stabilen Punkten am Schiff befestigt wird.

Am Ende des Tages sind wir beide ziemlich erschöpft. Noch zwei weitere Nächte in diesem Zustand durchzuhalten, erscheint uns eine Überforderung unsrer derzeitigen physischen Möglichkeiten.  Als Alternative entscheiden wir uns, nach Terschelling zu segeln. Das sind zwar auch 80 Seemeilen, aber wir sind vermutlich eine Nacht weniger unterwegs – in unserem derzeitigen Zustand die beste Option.

Wir können zunächst unter Segeln fahren.  Gegen Mittag flaut der Wind ab und wir müssen den Motor hinzunehmen. Insgesamt läuft der Motor in diesen Tagen 31 Stunden – ganz schön lange aber unvermeidlich, um in der Zeit die geplanten Distanzen zu überwinden.

In der Nacht bekommen wir mitten auf See Besuch von einem kleinen zerzausten Vöglein. Vermutlich noch erschöpfter von seiner Flugreise über das Meer sucht er Zuflucht bei uns.

Ein kleiner süßer Mitreisender Vogel fliegt an Bord.

Er sucht sich Krümel, wir bieten ihm Wasser an und er beabsichtigt, bei uns einzuziehen. Mitten auf See akzeptieren wir seine Mitreise, vielleicht wird er auf Terschelling ein neues zuhause finden. Etwas beunruhigt uns, dass der Fahrgast sich gerne unten aufhält und wir ihn nicht immer sehen, wenn wir nach unten gehen.

Die Fahrt nach Terschelling führt uns durch mehrere Verkehrstrennungsgebiete. Hier ist die Berufsschifffahrt getrennt nach Richtungen – wie eine Autobahn, nur viel gigantischer. Nachdem wir uns auf der Reise durch eine Fehlinterpretation der elektronischen Karte schon mal als Falschfahrer geoutet hatten, sind wir jetzt sensibilisiert, allen Anforderungen des Schiffsverkehrs gerecht zu werden  – d.h. unter anderem, Verkehrstrennungsgebiete dürfen nur senkrecht durchfahren werden.

Unter einem Verkehrstrennungsgebiet hatte ich mir bisweilen  Verkehrsspuren in Größe eines Fußballplatzes pro Richtung vorgestellt. So habe ich auch das Verkehrstrennungsgebiet vor Kopenhagen in Erinnerung. Hier aber ist die Verkehrsdichte so groß, das eine Fahrspur 3-4 Seemeilen breit ist. Wir können per Motor etwa eine Geschwindigkeit von 5  Knoten erreichen, d.h. zur Überquerung einer kompletten Spur können schon mal 45 Minuten vergehen.

Die Berufsschifffahrt hat Geschwindigkeiten zwischen 8 und 20 Knoten.  Die Verkehrsdichte zwingt uns, vor Überquerung eines Verkehrstrennungsgebietes mitunter 30 Minuten zu warten, bevor sich eine Lücke auftut, durch die wir schlüpfen können. Auch hier hilft uns das AIS System enorm, da wir die Geschwindigkeiten der einzelnen Schiffe ablesen können und da uns die möglichen Kollisionspunkte auf der Karte visualisiert werden.

Die Überquerung der Verkehrstrennungsgebiete kostet uns weitere Zeit. Inzwischen wird es dunkel und wir sehen, dass wir erst sehr spät in Terschelling ankommen werden.

Bei der Einfahrt zur Insel ist es inzwischen neblig. Ohne elektronische Hilfssysteme müsste man sich langsamst vorarbeiten. Trotz dieser Systeme kommen auch wir nur langsam voran. Zunächst sitze ich an der Pinne und nutze das tablet mit seiner Kartensoftware. Ralf hält Ausschau nach den leuchtenden und blinkenden roten und grünen Tonnen, die uns den Weg durch die schmale Fahrrinne weisen sollen.

Das ablaufende Wasser verzögert zusätzlich unser Fortkommen um 2 Knoten pro Stunde. Teilweise ist der Strom so stark, dass das Boot mal nach rechts gerissen wird, nach einer kräftigen Richtungsänderung per Pinne plötzlich in die andere Richtung ausreisst. Das Steuern bei Sicht nur über das tablet wird zum kräftezehrenden Akt.

Inzwischen sind wir 3 Tage und 3 Nächte unterwegs. Wir sehnen uns nach dem Hafen und nach einem ruhigen Schlaf. Der ist aber noch über eine Stunde entfernt.

Es ist jetzt ca. 4 Uhr am Morgen. Immerhin werden wir den Hafen wieder bei Tageslicht erreichen. Was das gegenläufige Wasser für uns zur Last macht, nutzen immer mehr auslaufende Berufsschiffer, die uns entgegen kommen. Auf dem AIS System spannt sich ein immer komplexer werdendes Netzt von Linien und Schnittpunkten möglicher Kollisionsereignisse. Ralf steuert das Schiff mit sicherer Hand durch den morgendlichen Verkehr der Berufsschifffahrt.

Wir beide nehmen unabhängig voneinander die Realität zunehmend durch Halluzinationen verblendet wahr. Der beleuchtete Kompass sieht in der Dämmerung aus wie ein Aquarium. Die Fahrt durch das Meer sieht aus wie eine Fahrt durch einen Acker, in dem die Schiffe Spuren hinterlassen haben. Bäume, Häuser, Alleen, jetzt ist der Kompass wie eine Konfektschale  … Unsere Gehirne sind nicht mehr in der Lage, die Fragmente der durch Dämmerung und Nebel eingeschränkten Wahrnehmung erinnerungskonsistent zusammen zu setzen. Wir haben wohl auch zu wenig getrunken. Den Gang zur schaukligen Toillette wollten wir beide vermeiden.

Um 5:00 Uhr am Morgen ist die Strapaze vorbei und wir liegen sicher im Hafen von Terschelling.

England muss noch auf uns warten.

5 Antworten auf „6. – 9. Tag: England, wir kommen – leider etwas später“

  1. Großartig!!!
    Ich bin voller Bewunderung für Euren Mut, Eure Tapferkeit und Eure Souveränität! Danke für die wunderbaren, detaillierten Berichte. So kann ich in den Worten dem Klang Eures Abenteuers lauschen. Umarmung von Nicola

  2. Hallo Rolf, das klingt ja alles wirklich abenteuerlich! Hoffentlich kriegt Ihr den Plotter gefixt, aber die Holländer sind ja findig. Wo blieb der Vogel? Gruß Gerd

    1. Der alte Plotter gibt nur sein Bootpiepen von sich. Das neue tablet funktioniert wunderbar – bislang. Als Backup müssen künftig Papierkarten herhalten. Zum Vogel schreib ich was im Blog.

  3. Wow, was für Abenteuer ihr erlebt. Mich würde interessieren ob du es dir ungefähr sonvorgestellt hast oder ob sich die Reise als schwieriger gestaltet als gedacht. Also man wächst ja auch mit seinen Herausforderungen, nicht wahr 😉

    Vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Ich finde du kannst echt gut schreiben.

    Bis bald, Melea

    1. Liebe Melea,
      es ist richtig, auch ich wachse an neuen Aufgaben. Morgen will ich mal beschreiben, was gut und was weniger gut gelaufen ist.
      Im Grunde habe ich es mir so oder ähnlich vorgestellt. Die Planung würde ich jetzt anders machen, z.b. sind die täglichen Zwischenstopps zeitfressend. Um von der Nordsee aus z.B. bis Terschelling braucht man fast 3 Stunden, d.h. 6 Stunden nur für die Einkehr von einer Übernachtung.
      Man müsste sich stärker mit den jeweiligen Zugängen befassen.
      Es freut mich, dass dir der Blog gefällt.
      Und ich freue mich, dich demnächst zu treffen.

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